Heute habe ich mich nötigen lassen, damit ich meinen
rechtmäßig erworbenen Führerschein nicht verliere. Ich habe einen Termin in einem
Kundenzentrum unserer Stadtverwaltung für einen Umtausch, weil die EU
beschlossen hat, daß mein „Grauer“ seine Gültigkeit verliert. So bin ich nach
zehn Jahren einmal wieder in die Spitaler Straße gekommen. Ich gebe zu, ich
habe sie nicht vermisst. Die Masse an Menschen, di mit Tüten beladen aus den
Geschäften strömen, verursacht in mir Fluchtgedanken und ich überlege, ob mir
mein Führerschein tatsächlich so viel wert ist, da ich eh kein Auto besitze. Unter
einem Baum finde ich noch ein freies Plätzchen auf der Bank. Ich möchte mich
ein wenig sammeln. Die Menschen sind auch beim Einkaufen so in Eile, als wäre
Zeit Geld. Wäre ihnen bewusst, daß Zeit Gnade ist, würden sie vielleicht auch
glücklicher aussehen. Auch erhalte ich einen Einblick in die Mode unserer Zeit,
deren Richtung vollkommen an mir vorbei gegangen ist. In meinen Kinderjahren wäre ich mit dieser Art von „Kleidern“ ins
Bett gegangen. Ich muss schmunzeln. Höchstwahrscheinlich tragen die Damen der
horizontalen Gewerbes auf St. Pauli mittlerweile das „kleine Schwarze“ Für
Männer hat sich in der Mode nicht geändert. Es gibt sie immer noch, die
vollgestopften Hosentaschen und das „Maurer Dekolleté“. In der Mitte der Straße
sitzt ein Bettler mit seinem Hund. Vor ihnen ein Schild mit der Bitte um
fünfzig Cent für eine Mahlzeit. Selten landet eine Münze in seinem Topf. Dafür
legen Menschen ihm ihre Pfandflaschen auf die Decke. Dieses Verhalten befremdet
mich. Ich möchte nach Hause und habe jetzt schon von dieser Welt genug. Warum schafft es keiner dieser Pfandflaschen
Ableger, diese Flasche selber abzugeben und dem Mann das Geld dann in den Topf
zu legen, oder eine Flasche Wasser zu kaufen. Menschenverachtender Umgang; es
passt in diese Zeit, die von toxischem Umgang miteinander geprägt ist. Es fängt
bei unseren gewählten Regierenden an und setzt sich quer durch unsere Gesellschaft
fort. Ich bin zu einem denkenden Wesen erzogen worden. Es verstimmt mich, daß
viele Leute nicht über ihr Verhalten nachdenken. Sie haben Kopf und Hirn erhalten
zum Nachdenken erhalten und nicht, damit es nicht in den Hals hineinregnet. Meine
liebsten Gesprächspartner aus der spirituellen Szene erzählen davon, daß wir in
die Liebe gehen. Wie soll das gehen, denn Gott, wie auch immer er heißen mag
für Dich, legt den Schalter nicht für uns um. Die Verantwortung für ein
liebevolles Miteinander darf durch die Menschen
kommen. Die Innenstadt tut mir nicht gut.
Endlich ist es soweit. Ich
erhalte Einlass zu meinem Termin in die Behörde. Der Sachbearbeiter ist
humorvoll. Ich habe mich gut vorbereitet und lege verschämt die neuen
biometrischen Fotos hin. Diese Fotos sehen aus, wie ein Fahndungsfoto der
Polizei. Es tröstet mich auch wenig, daß diese Art Bilder niemanden apart
aussehen lässt. Dann kommt der nächste Schock:“31,50 Euro!“Wartezeit bis zu
sieben Monate! In Schleswig-Holstein, dort, wo ich mir ein Datenblatt der ausstellenden
Führerscheinstelle hätte mich die Express Version 24,50 Euro gekostet und ich
hätte nur zwei Monat warten müssen. Ich wohne in Hamburg, hier sind wir schon
seit Jahren anders, als andere Kinder unseres Landes. Für Rentner gibt es keinen
Sondertarif. Schockschwerenot! Verstört trete ich meinen Heimweg an, Kirchenaustritt:
21 Euro, Paragraph 5 Schein für eine Sozial Wohnung 15 Euro. Erschöpft und
pleite ergattere ich eine Platz in der U Bahn auf dem Weg nach Hause. Mein
Gegenüber holt aus seiner großen Handtasche einen kleinen Ventilator und hält
ihn in meine Richtung und stöhnt dabei über die Hitzewelle. Ich bemerke:“Früher
hieß das Sommer“.
Hamburg Dulsberg im Juli 2022
Ich bin glücklich, daß ich die Tür hinter mir verschließen
kann. Für heute habe ich genug.Diese Zeit geht auch nicht spurlos an mir
vorrüber.