Guten Morgen schöner Fremder
Heute Morgen ist es eigentümlich still. Warum? Die Welt trägt heute ein frisches Kleid. Es ist Schnee gefallen. Er bedeckt die Straßen und Gehwege; die herab hängenden Zweige von Bäumen und Sträuchern sind üppig von dem Schnee dekoriert. Der Schnee dämpft die Geräusche in der Stadt. Ein wenig fühlt es sich an, als hätte man wie beim Schwimmen, Wasser in den Ohren. Die Luft riecht herrlich frisch, die Kälte ist weniger spürbar, als in den letzten Tagen. Hat sich mein Körper endlich auf Winterzeit umgestellt? In diesem Moment ist es mir gleichgültig. So früh am Tag ist der Schnee noch sauber. Das Glitzern und Funkeln lässt im Schein der Straßenlaternen, den Tagesbeginn doch magisch erscheinen. Das strahlende Weiß, das nur entsteht, wenn die blaue Stunde langsam dem Tag weicht, bringt mir den Zauber meiner Kindheit zurück. Mein Herz erinnert sich an die Vorfreude, wenn nach dem Schulschluss Schlittenfahren für den Nachmittag geplant werden konnte. Vor meinem inneren Auge entstehen die von Kälte geröteten Gesichter, tropfende Nasen, nasse Stiefel und Handschuhe. Das einfach Glücklich fühlen, inmitten wilder und hemmungsloser Schneeballschlachten. Eiszapfen, die bizarre Bilder an Regenrinnen und Regenrohren entstehen lassen. Ein Zapfen, herausgebrochen aus dem Kunstwerk, hat auch ohne Zitrone und Schoko herrlich geschmeckt, wenn ich an diesem hingebungsvoll gelutscht habe. So schmeckt nur der Winter. Die Kohleheizung in unserer Wohnung hat dafür Sorge getragen, dass die schönsten Eisblumen auf unserem Fenster gewachsen sind. Pflegeleichte Blüten, die verschwunden sind, wenn wir unsere Nasen am Fenster platt gedrückt haben, wenn andere Kinder länger im Schnee bleiben durften. Es war so unendlich ungerecht. Vom Fenster aus mussten wir zugesehen, wenn die größeren Kinder nach Einbruch der Dunkelheit eine Eisbahn zum Schlittern gebaut haben. Plötzlich habe ich einen leichten Geruch von Fliederbeer Saft in der Nase, den es vorsorglich nach dem Spielen im Schnee, gegeben hat; oder Milch mit Honig. Die Hut auf der Milch empfinde ich heute noch als eklig. Hach, der Winter ist ebenso schön, wie der Sommer. Nach dem Erreichen des Bahnhofs stelle ich fest, ich stehe nicht alleine am Gleis. Es zaubert mir ein Lächeln in mein Gesicht. Jemand hat sein inneres Kind wiedergefunden und einen kleinen Schneemann gebaut. An der Bahnsteigkante stehend, wartet er beharrlich wie ich, auf den Zug. Zur frühen Stunde hat der Winter mir seine für mich schönsten Seiten gezeigt. Noch ist der Tag frisch und unverbraucht, wie der frisch gefallene Schnee und ich bin gespannt, was er noch für mich bereit hält. Der Zug fährt in den Bahnhof ein, tschüs Schneemann. Ich wünsche Dir, dass Dein Charme auch andere Mitreisende erreicht. Mir wünsche ich Mitfahrende, die heute einfach schweigen, damit ich meinen Gedanken noch ein wenig nachhängen kann. Ich weiß auch um die andere Seite des Winters. Den Kindern wünsche ich heute Schneefrei und allen Anderen Schutz auf ihren Wegen.
Hamburg im Dezember 2023, es schneit weiter. Ob ich einen Mitmacher finde für einen gemeinsamen Schneemann? Schön wär´s.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen