Gestern hatte ich Besuch von meiner kleinen Schwester. Sie ist eine Schwester im Geiste, ein Herzensmensch, wie man sich in seinem Leben wünscht. Ihr Papa ist verstorben. Es ist absehbar gewesen. Geschieht es dann, ist ein tiefer Schmerz im Herzen und der Verlust spürbar und wiegt schwer. Sie ist traurig, dass sie in seiner letzten Stunde nicht an seinem Bett sitzen konnte. So hat sie sich am offenen Sarg von ihm verabschiedet und noch ein Zwiegespräch mit ihrem geliebten Vater gehalten. Sie hat es ihren Kindern freigestellt, ob sie ihren Opa noch einmal sehen wollten, um sich zu verabschieden. Es sind vier Kinder im Alter von 5 bis 18 Jahren. Sie wollten es nicht. Gerührt berichtet meine kleine Schwester, dass ihre Kinder, die ihren Schmerz gespürt haben, sie nicht allein gelassen haben. Nach und nach sind sie zu ihrer Mutter an den Sarg gekommen, um sie in ihrem Schmerz nicht allein zu lassen. Nach der Trauerfeier hat der Priester die Kinder gefragt, ob sie den Großvater zu seiner letzten Ruhestätte begleiten möchten. Sie haben die Mulden am Sarg ergriffen und haben ihren Opa so mit zur letzten Ruhe gebettet. Diese Geste hat sie verstehen lassen, dass das Sterben zum Leben dazu gehört. Ihr Neffe, der mit in die Familie gebracht worden ist, hat sich weinend am Grab bedankt, dass Opa ihn, wie einen eigenen Enkel angenommen hat. Abschiede sind auch für Kinder wichtig. In unserem Land redet man nicht über Werden und Vergehen. In unserer Kultur hält man die Kinder fern. Kein Schatten soll auf das junge Leben fallen. Ob diese Entscheidung so richtig ist? Das darf jeder Einzelne für sich überdenken. Der Tod des Vaters ist nicht der Grund des Besuchs bei mir gewesen. Es war eine Auseinandersetzung mit ihrem Bruder. Es ging um das Erbe. Meine kleine Schwester teilte ihrem Bruder mit, dass sie auf ihren Erbteil verzichtet. Sie hat sich das gut überlegt. Alles, was sie mit diesem Haus verbunden hat, existiert nicht mehr. Es ist Materie. Sie hat ihre Wurzeln in Deutschland gefunden. Der Bruder ist ausgerastet. Er hat sich in der Familie als Opfer gefühlt. Das ist der zweite Grund, warum ich die Geschichte erzähle. Die Ursache für den Konflikt waren die nicht geführten Gespräche mit den Eltern und den Geschwistern, die unausgesprochenen Worte, die in der Trauer schwerer wogen, als jegliches Gebirge. Die angestaute Wut hat sich ihren Weg gebahnt. Der Bruder kann mit dem Frieden meiner kleinen Schwester nicht umgehen. Leider auch nicht mit Geschenken und bedingungsloser Liebe. Seid mutig und sucht das Gespräch, bevor es zu spät ist. Es ist lediglich ein Rat, den ich zu bedenken gebe.
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