Mittwoch, 12. April 2023

Menschlichkeit oder die Reise in eine Parallelwelt

 

Voller Vorfreude begebe ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Es ist lange her, dass meine Freundin und ich uns gesehen haben. In Gedanken kaufe ich schon eine Zeitschrift, denn Zeit genug habe ich eingeplant. Den gestrigen Fahrkartenkauf im Hamburger Hauptbahnhof in der Service Wüste der DB habe ich gerade verdaut und soll meine Freude nicht schmälern. Es ist unglaublich viel Lärm in der Bahnhofshalle. Eine große Menge von Fußball Fans und Polizisten machen ein Durchkommen unmöglich. Beide Gruppen liefern sich Scharmützel und der Zug fährt ohne mich ab. Mein Zug fährt stündlich Richtung Bremen, so die Info am Fahrkartenschalter gestern und so bin ich wenigstens schon auf dem richtigen Gleis. Kleine Verfolgungsjagden setzen sich auch hier fort und so steige ich in den nächsten Zug, der einfährt und bringe mich in Sicherheit. In jeder Sitzreihe eine Person, auf dem freien Sitz daneben, das Gepäck. Alle Reisenden starren auf ihr Handy. Ich informiere meine Freundin, dass ich später komme und sie möge mich nicht vom Bahnhof abholen. Sich der Situation hingeben ist das Beste, habe ich doch Abenteuerurlaub bei der Deutschen Bahn gebucht. Der Zug hält an jeder „Milchkanne“, deren Namen ich noch nie gehört habe. Eine Fahrt aus dem Hamburger Einheitsgrau, hinaus in die Sonne. Nach zwei Stunden Fahrt erreiche ich die Kleinstadt in Niedersachsen und gönne mir nach den ganzen „NO Smoking Areas“ erst einmal einen kurzen Stopp. Freundlich fragt mich eine Mitreisende, wo ich denn hinwolle. Sie hätte ein Taxi bestellt. Vielleicht passt die Richtung? Leider nicht. Meinen Dank habe ich noch nicht ganz ausgesprochen, schon fragt mich der Fahrer des Bürgerbusses nach meinem Fahrtziel. Er erklärt gleich, dass ich den nächsten Bus nehmen müsse und wünscht mir ein schönes Osterfest. So steige ich in den nächsten Bus. Eine Mitfahrerin erklärt mir sogleich, dass ich kein Ticket kaufen müsse, ich hätte ja eins von der Bahn, sie wünscht mir frohe Ostern, und schaut wieder aus dem Fenster. Die Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft lässt mich verstummen. Sogar der Busfahrer ist ausgestiegen und hat mein Gepäck, eine kleine Schultertasche, in den Bus getragen. Mich überkommt ein leiser Anflug von Traurigkeit, als ich bemerke, wie unglaublich mich die Großstadt entwöhnt hat und wie sehr ich Höflichkeit vermisse. Die Haltestelle des Bürgerbusses ist fast vor der Haustür meiner Freundin. Vor dem Hochhaus ist jeder Busch und jeder Baum behängt voller Ostereier. Der Hauseingang liebevoll mit Ostereiern dekoriert. Ein Bewohner mit sichtlich anderen Wurzeln entbietet mir einen Ostergruß und hält mir die Haustür auf. Fast zwei Jahre an Gehstützen liegen hinter mir, ich habe es nicht einmal erlebt, dass mir jemand die Tür aufhält, eher wurde ich umgerannt. Kris erwartet mich mit einer Kanne von duftendem Kaffee und einer fruchtigen Bisquit Rolle. Schnell sind alle Unwegbarkeiten der Anreise vergessen. Wir plaudern und erzählen von dem, was trotz unzähliger Telefonate keine Erwähnung gefunden hat, das ganze untermalt mit einer musikalischen Zeitreise. So stehen wir erst wieder auf, als wir müde sind. Eine halbe Bisquit Rolle ist noch übrig. Den nächsten Tag verbringen wir ähnlich und bleiben im Schlafanzug. Zum Frühstuck schmeckt der Kuchen jetzt besonders gut. Der kalte Ostwind trägt dazu bei, dass wir keine Lust verspüren, vor die Tür zu gehen. Ein kurzer Aufenthalt auf dem Balkon genügt, das Kochen des geplanten Oster Menue´s verschieben wir lachend auf den nächsten Tag. Uns genügt eine Stulle. So endet auch dieser Tag. Am nächsten Morgen  sitzen wir noch beim Kaffee, da klopft es. Die Hausmeisterin Gudde steht mit einem süßen Ostergruß vor der Tür. Sie setzt sich zu uns, als das Nötigen durch Kris kein Ende nimmt. Wir plaudern zu Dritt, so herrlich normal. Ich berichte von meinen jüngsten Erfahrungen, wie gut es mir tut und von meiner schwierigen Wohnungssuche in Hamburg. Gudde verabschiedet sich. Dreißig Minuten später klopft es wieder. Im Erdgeschoss würde evtl. eine Wohnung frei werden. Sie würde bestimmen, wer einzöge. Sie hat eine Wohnungsbesichtigung organisiert. Meine erste Wohnungsbesichtigung barfuß, die Haare in alle Richtungen abstehend, wie gerade aus dem Bett gekrochen und im Schlafanzug, es fehlte nur noch das Schnuffel Tier in der Hand. Die Wohnung ist schön geschnitten und hat fast alles, was ich mir wünsche. Ich stehe immer noch stumm da, als sie mir ein Osterei in die Hand drückt und sagt, ich solle es mir überlegen. Ich bedanke mich bei Gudde. Ich hatte mir eine Wohnung in wärmeren Gefilden vorgestellt. Meine Perspektive hat sich geändert, dafür bin ich sehr dankbar. Es gibt sie noch, die kleinen Enklaven, die einem kleinen gallischen Dorf  gleichen und Menschlichkeit und soziales Miteinander noch gelebt werden. Kris hat während meiner Wohnungsbesichtigung das Oster Menue gekocht. Nach unserem Brunch bestellt sie mir ein Taxi. Ich wundere mich nicht mehr, als der Taxifahrer mir die Autotür öffnet und mir mein Handgepäck reicht. Mir ist eines klar geworden. So ein Umfeld habe ich verdient, und Menschen kann ich nicht ändern. Ich werde meinen Platz finden und die passenden Menschen dazu. Unmanierliches Verhalten lasse ich nicht mehr zu. In Hamburg angekommen, winke ich nach einem Taxi. Der Taxifahrer lässt das Fenster herunter und fragt:“Wohin?“Ich bin traurig und habe Wehmut in meinem Herzen. Ich will raus aus der Stadt. Sie ist noch nicht bereit für Menschen, wie mich.

Fazit: Hamburg, Du bist nicht mehr meine Stadt.

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