Der Herbst lässt wieder die Blätter fallen. Einige gleiten sanft und elegant zu Boden. Sie sehen teilweise aus, wie ein fliegender Teppich aus dem Märchen, gewebt aus den herrlichsten Farben. Andere wieder tanzen noch einmal wie ein Derwisch durch die Lüfte. Sie zeugen noch einmal von den Turbulenzen des Jahres und es ist schwierig, diesem Tanz mit den Augen zu folgen. Sie landen auf dem Boden und vergehen zu Humus, wenn man sie lässt. Was bleibt, sind die Dinge, die uns verzaubert haben; Erinnerungen, aufgereiht, wie die Perlen auf einer Schnur. In der dunklen Jahreszeit wärmt jede einzelne dieser Perlen unser Herz und schenkt uns Moment des Glücks. So öffnet manch einer sein ureigenstes Schatzkästchen und lächelt versonnen. Jede einzelne Perle wärmt unser Herz, so wie der Inhalt von Max Schatztruhe.
Max sitzt in seinem Zimmer. Keiner hat Zeit zum Spielen und vor die Tür darf er nicht. Nach dem er eine große Weile übel genommen hat, sieht er die Schatzkiste unter seiner Bettkante blitzen. Er schüttet den Inhalt vor seine Füße. Das Jahr hatte gerade einladend seine Pforten geöffnet. Unter den Bäumen und Büschen im Wald leuchteten die ersten gelben und weißen Tupfen. Ganz kleine Blumen. Sie haben so schön ausgesehen, in der Sonne. Er erinnerte sich, daß er sie gepflückt hatte, um sie mit nach Hause zu nehmen. Es gab keine passende Vase für sie. Selbst der Eierbecher war für sie zu groß. Sie haben ganz schnell ihre Köpfe hängen lassen und waren nicht mehr schön anzusehen. Neben der Kiste liegt ein großer Stock. Der ist so groß, wie er. Er hat lange gebettelt und erklärt, warum er gerade diesen Stock behalten musste. Es war der beste Stock der Welt. Seine Mitte zierte ein Knoten. Er hatte ihn gefunden, als er im Wald durch ein Gebüsch gekrochen war. Dort hat er ein gefährliches Tier gefunden. Es saß auf dem Waldboden auf einer kleinen Lichtung und guckte ihn mit Riesenaugen an. Er hat vor Entsetzen kurz geschrien. Das Tier war so groß, wie er. Sein Schrei hat das Tier erschreckt. Es hob seine Flügel und flog davon, nicht ohne ein paar seltsame Töne von sich zu geben. An dem Platz hat er im Busch diesen großartigen Stock gesehen. Er hat ihn abgebrochen, was unglaublich schwer war. Dieser Stock sollte ihn beschützen, wenn das große Tier vielleicht wieder kam. Ihm war doch ganz schön bange. Mit dem Stock in der Hand zu seiner Verteidigung, ist er dann doch wieder nach Hause gelaufen. Mit ihm hat er auf jedes unheimliche Gebüsch geschlagen. Zu Hause angekommen erzählte er aufgeregt von seinem Abenteuer. In einem Tierbuch hatten Mama und er dann das Ungeheuer gefunden. Es war ein Uhu, den er erschreckt hatte und der Uhu ihn. Er hat nicht gewusst, daß in seinem Wald so große Tiere lebten. Er würde nie mehr ohne seinen Stock vor die Tür gehen.
In seiner Schatzkiste befanden sich auch Federn, weiße, braune, braunweiße, schwarze und eine glitzerte besonders schön. Sie war dunkelschwarz mit grün. Sie hatte er am Straßenrand gefunden, die anderen auf Ausflügen mit seinen Eltern. An die Weißgraue erinnert er sich noch besonders gut. Sie war ein Strandfund und gehörte einer Möwe. Er hatte im warmen Sandstrand an der Ostsee gelegen und die Möwen bei ihrem Flug am Himmel beobachtet. Ihr Geschrei war zu laut für Max Ohren. Er hatte es lieber, wenn sie hoch oben am Himmel flogen, denn Möwen sind echte Räuber. Eine der Möwen hatte ihm im Sturzflug den Belag von seinem Fischbrötchen geklaut. Das war so gemein, daß er vor Empörung geweint hat. Er war doch auch hungrig und hatte seinen guten Stock zu Hause vergessen. Aber die Federn waren so schön flauschig und kitzelten, wenn er mit ihnen über seine Wange strich. Nur in die Nähe seiner Nase durften sie nicht kommen, dann musste er niesen. Das brachte ihn zum Lachen.
Max nahm einen Stein in die Hand. Diese hat er von einem Strandbesuch an der Nordsee mitgebracht. Er durfte nur mit den Füßen ins Wasser. Der Stein wurde von den Wellen überspült. Seine zur Sonne gewandten Seiten haben ihn wundervoll glitzern lassen. Er war bestimmt sehr wertvoll. Er wollte ihn verkaufen, um sich ein eigenes Schatzzimmer zu kaufen. Dann würde Mama nicht immer darauf drängen, den größten Teil seiner Funde hier am Strand zu lassen. Er hatte einen ganzen Eimer vollgesammelt und auch Muscheln. Hach, warum wollte Mama das nicht verstehen. Nur drei Stück durfte er mit nach Hause nehmen.
Vielleicht würde ihn der letzte Bonbon aus Omas Tüte ihn ein wenig trösten. Das Papier war vom langen tragen in der Hosentasche schon so verklebt; er ließ sich nicht mehr auswickeln. Er steckte ihn mit Papier in seinen Mund. Bah, das schmeckt eklig. Er hatte Sehnsucht nach Oma. Er legte den Bonbon in seine Kiste zurück, für den Notfall. Das sagte Oma auch hin und wieder. Er wusste aber nicht, was das bedeutet. Oma hatte immer Zeit, gute Laune und seltsame Ideen. Er durfte es beim Backen mit ihr schneien lassen. Schneien funktioniert so:“Man wirft vom Mehl etwas in die Luft und tut so, als wäre es richtiger Schnee, bis alles weiß ist. Oma ließ sich in Blätterhaufen fallen und bewarf ihn mit Blättern. Sie schimpft dann auch nicht, wenn die Jacke dreckig ist. Ihre Jacke sieht ja genau so aus. Nur Mama schüttelt mit dem Kopf. Zu Hause darf er nicht auf Mamas Töpfen trommeln.
Dann ist da noch der zerkaute Ball von Milo. Milo war ein Hund und gehörte einem Nachbarn. Milo ist ein Heldenhund und jetzt im Hundehimmel. Hin und wieder hört Max das leise klirren von seinem Halsband. In der Nachbarschaft hatte es gebrannt. Milo hatte sein Herrchen wach gebellt. Er konnte sich aus dem Haus retten. Milo hat es leider nicht geschafft. Sein Herrchen ist weggezogen, das Holzhaus war abgebrannt. Die vielen Feuerwehrautos und das Blaulicht waren aufregend. Max hat das Löschen von seinem Fenster aus beobachtet. Wenn er groß ist, wird er Feuerwehrmann. So ist er stolz auf seine Taschenlampe, denn ein Feuerzeug darf er nicht benutzen. Jetzt kann erheimlich unter der Bettdecke lesen.
Es liegen auch noch Eicheln und Kastanien zu seinen Füßen. Die hat er für die Eichhörnchen gesammelt, falls sie vergessen, wo sie ihr Essen versteckt haben und hungrig sind. Auch einige besonders schöne Blätter vom letzten Herbst Leider sind diese schon ganz zerfleddert, noch knisterte der verblieben Blattrest noch ein wenig.
Max räumte seine Schätze zurück in die Kiste. Es war noch genug Platz darin. Zufrieden schob er seine Schatzkiste wieder unter sein Bett. Er hatte sie gut gewählt.
Das Kind in uns lässt uns auch kleine Schätze sammeln. Ich kenne viele Menschen, die so kleine Dinge hüten; aus dem Herzen heraus gesammelt, angefüllt mit schönen Gefühlen. Sie werden uns in Erinnerung gerufen, durch den Perlenschimmer, der von ihnen ausgeht
Hamburg, November 2022
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