Donnerstag, 3. November 2022

Jogger

 

Ich bewundere und beneide Jogger; während sie schnellen Schrittes die Alster umrunden, latsche ich gedankenverloren mit einer Zigarette weit abgeschlagen hinterher. Ich schaue ihnen dann immer neidisch nach und frage mich, warum ich das nicht auch endlich mal beginne, immerhin ist das eine der günstigsten und unabhängigsten Sportarten. Schaden täte es mir ja auch nicht, immerhin bin ich mittlerweile Anfang 50, passionierte Raucherin, habe keine Kondition mehr und mittlerweile kann ich den körperlichen Verfall lediglich verlangsamen.

Und dann habe ich heute endlich nach längerer Zeit dem Stadtpark einen Besuch abgestattet. Feiertag, 08:30 Uhr, leider schon recht gut bevölkert; muss an der Zeit- umstellung gelegen haben. 35 % Hundehalter nebst mehr oder weniger wohlerzogenen Fellgesichtern, 15% junge, übermüdete Eltern mit der fleischgewordenen Frucht ihrer Liebe in unterschiedlichen Stadien der Bewusstheit, vor sich hergeschoben, hergetragen (im hippen Bauchtuch), hinter sich herziehend, 10% Radfahrer (vom Tour de France-Möchtegern bis zum Langsamfahr-und dabei nicht umfallen-Wettbewerbsteilnehmer), 5% Spaziergänger, die vor dem Frühstück eine Runde drehen oder die wie ich den morgendlichen Charme der Natur im Stadtpark einatmen wollen und 35%......Jogger!

Was auch immer heute in der Luft lag (es war neblig), mein Bild über Jogger hat sich schlagartig geändert. Ich unterteilte sie automatisch in 2 Gruppen: die, die mir entgegenrannten (Steuerbord) und die, die sich mir von hinten näherten (Backbord).

Steuerbord:

Der junge, dynamische Jogger, der gemeinsam mit einem Kumpel quatschenderweise in meinem Blickfeld auftauchte hat mich nicht weiter beschäftigt; auch nicht die mittelalte bis alte Gruppe derer, die wohl aus gesundheitlichen Gründen oder um ihren Tagesablauf zu unterteilen ihre Runden drehten, hatten mein Interesse geweckt. Aufmerksam wurde ich erst ab dem 2. oder 3. verkniffenen Gesicht, das mir entgegenrannte. Das sah mir überhaupt nicht nach Freude, Genuss, Loslassen aus und mein Bild vom glücklichen, selbstdisziplinierten Jogger, der sich den Kopf freiläuft und sich nach selbst auferlegter Strapaze wie neugeboren fühlt, bekam erste Risse.

Backbord:

Die Jogger, die sich mir akustisch durch ihre Schrittfrequenz und ihre stoßweise Atmung bemerkbar machten, bevor sie in kurzer Seiten- und daraufhin in Rückansicht an mir vorüberzogen. Auch hier nahm ich von den zuvor benannten Typen keine weitere Notiz; überrascht haben mich die beinahe verzweifelt wirkenden Profile, der vornübergebeugte Oberkörper, schlurfende Schritte und schlussendlich eine beinahe mitleiderregende Rückansicht. Ich fragte mich: ist das der Grund, morgens in die Schuhe zu springen und schnaufend-schwitzend Kilometer zu reißen?

Hmmmm…..  

Während ich so weiter vor mich hinlatschte, sprang meine Denkmaschine in die Schuhe, machte Dehnübungen und ging in die Spur.

Es ist unbestritten, dass das Denken bei körperlicher Bewegung die Richtung ändern kann, so mensch das zulässt. Idealerweise sieht, denkt, fühlt mensch dann klarer, ist erfrischt und gestärkt. Das ist zumindest immer meine Ausbeute von einer Wanderung.

Was aber, wenn das Joggen nichts anderes als eine Flucht aus einer Unerträglichkeit ist? So wie Alkohol- oder Drogenkonsum? Dann die schmerzhafte Erfahrung, dass sich der Start und das Ziel einer Jogging-Runde nicht voneinander unterscheiden? Wieder Joggen? Länger Joggen? Nur noch Joggen? Endstation Teufelskreis?

Ich warf meine Eindrücke aus den beschriebenen Frontalen, Seitenprofilen, Rückenansichten und Geräuschen in einen imaginären Würfelbecher, würfelte gedanklich und schaute mir mit meinem inneren Auge den Wurf an….

Das Zelebrieren von Hobbies, Sport- und Freizeitaktivitäten verkommt immer mehr zur Flucht vor der Unerträglichkeit der Lebenssituation. Es scheint das Zeichen unserer Zeit zu sein, dass wir dem ständigen Druck im Job und der gesamten Situation in unserem Land wie auf dem ganzen Globus kaum mehr etwas entgegenzusetzen haben.

Ein Jogger quält sich durch eine kräftezehrende Woche mit beruflichen Terminen und kaum zu erfüllenden Ansprüchen, die an ihn gestellt werden. Parallel dazu soll/will der Jogger ein guter Ehepartner und ein noch besserer Elternteil sein; gesunde Ernährung ist selbstredend, ganz zu schweigen von den Familienurlauben, die Pflege der eigenen Eltern, das Trösten der verlassenen besten Freundin, das Auto zur Inspektion, die Hypothek für das Eigenheim, nachhaltig denken, leben, atmen.

Und dann…quält sich der Jogger frühmorgens auf seine Runde, erkämpft sich Alleine-Zeit, indem er mit dem SUV zum Stadtpark fährt und sich joggenderweise auf den Pfad der Selbstreinigung begibt. Äußerlich sicht- und hörbar das verkniffen-verzweifelte Gesicht, das erfolglos unterdrückte Schnaufen, die Füße, die so müde sind, dass sie mitunter den Boden nicht verlassen mögen, die gebeugte Körperhaltung, die Hände verkrampft zu Fäusten geballt.

Wieder am SUV angekommen, vornübergebeugt, die Hände auf den Knien, die Atmung und den Puls regulieren, Jacke drüber, einsteigen, Auto anlassen, losfahren.

Was geht jetzt in diesem Jogger vor, fragte ich mich. Er fährt nun zurück in sein Leben, macht vielleicht noch beim Bäcker halt und besorgt Brötchen für das Familienfrühstück. Zuhause angekommen ab unter die Dusche, noch ein paar Minuten für sich sein und unter dem Wasserstrahl prasselt mit jedem Tropfen die Gewissheit auf ihn ein, dass er auf seiner Runde keine einzige Minute das Hamsterrad verlassen hat?

Ich fühle mich seit heute den Joggern verbunden; ich bewundere sie dafür, dass sie den Ausstieg mit jeder Runde erneut versuchen; wir alle versuchen das auf unsere Weise tagtäglich…Aufgeben ist halt keine Option.

 

 

Gastbeitrag,danke Leo

 

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