Beim Blick aus dem Fenster begrüßt mich der Tag mit dichtem Nebel. Vor der Tür ist es feucht, kalt und ungemütlich. Es mutet seltsam an. Alles um mich herum sieht aus, wie durch einen Weichzeichner, weiter entfernt und nicht greifbar. Der November hält Einzug im Jahreskreis. Nein, ich habe keinen Blues. Ich genieße diese Zeit. Für mich bedeutet sie innehalten und Korrektur meines eingeschlagenen Weges, wenn nötig. Bleibe ich meiner Richtung treu? Hauptsache, ich bleibe mir treu. Alles andere wird mich finden. Nebelschwaden treiben m Fenster vorbei. Sie nehmen teilweise bizarre Formen an. Ich blicke dankbar auf dieses Jahr zurück. Erinnerungen an schöne Begegnungen und Gespräche und an die zauberhaften Momente, die ich wie kleine Schätze bewahre. Auch an die wenig schönen habe ich gut in Erinnerung, haben sie mich wachsen lassen und mir Gelassenheit geschenkt und mich eine nie dagewesene Klarheit spüren lassen. Es hat gelegentlich auch weh getan, und der sozial moralische Rucksack, den uns unsere Zeit ungefragt, geschenkt hat. Ich nehme nicht jedes Geschenk an, vor allem nicht die, die sich wie ein Schuldschein anfühlen. Manipulation und Missbrauch sind es, die durch das Leben vieler Menschen ziehen. Ich beobachte das schon seit längerer Zeit. Ein kleines Beispiel: „Zu wenig Personal in der Pflege? Es ist selbstverständlich, daß du eine Extraschicht übernimmst. Du lässt niemanden hängen. Obwohl dir eine Absage lieber gewesen wäre. Da es immer funktioniert, wird sich auch nichts ändern. Bereitwillig überschreitest du deine Grenzen und lässt zu, daß sie auch von der anderen Seite übertreten werden. Das geschieht gleich, in welcher Branche auch immer. Das System ist das gleiche, die schlechte Bezahlung auch.
In unserer Welt ist es normal geworden so zu handeln, so geschieht es auch in anderen Bereichen. Überall werden Ressourcen abgegriffen, so auch im sozialen Bereich. Gruppen von Neubürgern erhalten Unterstützung in jedweder Form. Für ihre Veranstaltungen. können noch extra Gelder beantragt werden. Es wird vorgegeben ein Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Weit gefehlt Sie treten nie in unserer Gemeinschaft auf Das befremdet mich, vor allem, wenn ich nachfrage, wie sich die Kosten zusammen setzen. Nachfragen ist aufgrund deutscher Geschichte nicht gern gesehen und gehört. Bitte nicht falsch verstehen, ich mag es bunt und liebe Vielfalt. Diese gelebte Form von Solidarität ist mir zu einseitig. Die Kraft, die ein aufrichtiges Miteinander birgt, scheint in dieser Form nicht förderlich. Da keiner nachfragt, scheint sie auch nicht erwünscht. Es ist stimmig mit der defensiven Architektur, die Form, mit der viele Stadtteile und Städte gentrifiziert werden. Als sozialer Mensch fällt es mir schwer, keinen Beitrag zu leisten. Gerade fühle ich mich wie ein Rekonvaleszent, der sich erholt und Kräfte sammelt.
Der Nebel steigt und wird lichter. Seine Schatten rufen Erinnerungen hervor, an die Menschen, die aus welchem Grund auch immer diese Erde und mein Leben verlassen haben. Es waren Menschen, mit denen ich mich verbunden gefühlt habe .Wir konnten Gefühle und Gedanken austauschen. Der Schmerz über ihren Verlust ist gegangen, aber die Lücke bleibt. Für meinen weiteren Weg ohne sie haben sie, haben sie mir etwas mitgegeben. Echte Beziehungen gibt es nur, wenn wir mit uns gemeinsam verletzlich und aufmerksam bleiben und es ist immer die Angst, die Grenzen setzt.
November, ich danke dir für die ungemütliche Zeit und die Themen, die du mit dir führst. Du währst nicht lange. Ich habe die Gewissheit, nach Dir kommt das Licht. Das Licht stellt nur die eine Frage:“Habe ich genug geliebt?“
November 2022 aus dem Zyklus Zwischenwelten/ Mara von Dule
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