Montag, 28. Februar 2022

Stärke

 


Seit Monaten sitze ich aufgrund arger gesundheitlicher Einschränkungen zu Hause fest. Sie nimmt mir seit Monaten die Hälfte meines Lebensgefühls. So ist der anstehende Besuch am Wochenende eine herzlich willkommene Abwechslung in meinem täglichen Einerlei. Aber auch da ist ein Ende in Sicht; es sind nur noch vier Wochen, dann darf ich wieder Gehen lernen. Kennengelernt haben wir uns in einem Musik Seminar. Im Laufe der Zeit haben wir feststellen können, daß wir Bruder und Schwester im Geiste sind. Es hat sich ein anregender Austausch ergeben, wir lernen von- und miteinander. Bei Bjarnes letztem Besuch habe ich ihm meinen Stadtteil gezeigt und die Orte, an denen ich aktiv bin. An diesem Wochenende steht bei ihm etwas anderes auf dem Plan: „Mammut Marsch durch Hamburg“. Dem zolle ich meinen Respekt. Nehme ich doch nur Jogger mit verbissenem Gesicht wahr, im Kampf mit der Zeit gegen sich selber. Hamburg beschenkt sein Vorhaben mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein, bleibt sich aber distanziert treu, denn die Temperaturen sorgen dafür, nicht zum Übermut zu neigen. Sechzig Kilometer, es ist ein strammes Programm. Für Bjarne eine Art Meditation, und so lernt er auch andere Städte kennen. Ich erwarte ihn nicht vor Mitternacht zurück. Zwischendurch schickt er mir einen Gruß von der Elbe. Heute hat sie ihr schönstes Kleid angezogen; so ein herrliches Bild. Ich bin überrascht, als er kurz nach 22 Uhr an der Tür klingelt. Es ist schon sehr lange her, daß mir so ein zerknitterter, aber vor Glück strahlender Mensch begegnet ist; er leuchtet Seine Muskeln schmerzen, er hat Blasen an den Füssen, von Stolz erfüllt, die Strecke geschafft zu haben, kriecht er nach einem kurzen Imbiss in sein Bett. Er hat mich kurzfristig an eines meiner Lieblingsbücher erinnert: „Der Alchemist“ von Coelho. Es geht in dem Buch um Wahrheitsfindung, Optimismus und Glück. Der Protagonist glaubt an seinen Träume und das Schicksal  unterstützt ihn, durch Schärfung seiner Sinne und schöpferischen Impulsen. Das ist meine persönliche Kurzfassung des Buches. Während unseres Frühstücks  stellt Bjarne fest, daß die Distanz vom Tun lässt ihn sich besser spüren. Danach dreht er eine Runde um den Block, um seine immer noch schmerzenden Muskeln wieder aufzuwärmen. Sein Heimweg in den Ruhrpott steht noch an. Die stille und freundschaftliche Fürsorge in unserem Wiedersehen, hat uns beiden wohl getan. An diesem Wochenende haben wir nur gelauscht, und kein einziges Instrument zur Hand genommen. Wahrgenommen haben wir den Klang des Lebens und die Tonleitern, auf  denen wir unseren Weg begehen, ebenso die Tonart; Dur oder Moll.

 

Hamburg Dulsberg, der letzte Februar Sonntag 2022 in kriegerischen Zeiten

Ich danke nicht nur Bjarne, auch all den lieben Menschen, die um mich sind. Mit ihnen ist es möglich, eine Gemeinschaft von Herz zu Herz zu leben. Mit Euch ist es möglich aufrichtig zu reden. In den letzten Jahren geben mir Gespräche mit anderen Leuten oft das Gefühl, als wäre es ein Gang über ein Minenfeld. Es geht auch anders. Tragen wir gemeinsam dazu bei, das die Art von wertschätzender Gesprächskultur, wieder in unserem Leben zu integrieren

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